IT-Organisation und VorgehenLesezeit 3 Minuten

Skalieren: SAFe, LeSS und die Frage, die vorher kommt

Die Auswahl eines Skalierungsrahmenwerks wird in vielen Häusern als Methodenentscheidung behandelt. Sie ist in erster Linie eine Architekturentscheidung, und sie fällt vorher.

Wenn ein Haus mehr als drei oder vier Teams an einem Vorhaben arbeiten lässt, stellt sich die Frage, wie das koordiniert wird. Üblicherweise beginnt dann die Prüfung der verfügbaren Rahmenwerke: SAFe, LeSS, Nexus, Spotify-Modell. Es werden Vergleichstabellen erstellt, Beratungen eingeladen, Schulungen beschafft.

Diese Reihenfolge ist falsch. Die Entscheidung, die den Erfolg bestimmt, fällt vorher, und sie betrifft nicht das Vorgehen.

Die Frage, die vorher kommt

Lässt sich die Arbeit so schneiden, dass jedes Team unabhängig liefern kann?

Darauf gibt es drei Antworten, und jede führt zu einer anderen Entscheidung.

Ja. Dann brauchen Sie wenig. Klare Verantwortung je Teil, verabredete Schnittstellen, ein gemeinsamer Termin für die Zusammenführung. Das lässt sich mit einem schlanken Rahmenwerk abbilden, und ein schweres würde hier Aufwand ohne Gegenwert erzeugen.

Nein, und das ist auch nicht zu ändern. Das ist bei gewachsenen Kernsystemen der Normalfall. Dann hilft kein Rahmenwerk. Was dann hilft, ist weniger Parallelität: lieber drei Teams, die liefern, als acht, die sich abstimmen. Diese Antwort ist unbeliebt, weil sie bedeutet, dass das Vorhaben länger dauert. Sie ist der Mehraufwand paralleler Teams allerdings allemal wert.

Nein, aber es ließe sich ändern. Das ist der interessante Fall. Dann ist die erste Lieferung des Programms keine Fachfunktion, sondern die Entkopplung: Schnittstellen schaffen, Datenhaltung trennen, Zuständigkeiten neu schneiden. Das kostet ein halbes bis ein Jahr und ist die einzige Investition, die Skalierung dauerhaft möglich macht.

Ein Rahmenwerk organisiert Abhängigkeiten. Es beseitigt keine.

Was die Rahmenwerke tatsächlich leisten

Vor diesem Hintergrund fällt die Auswahl deutlich leichter, weil sich die Unterschiede auf wenige Punkte reduzieren.

Vorweg: Ich habe SAFe nicht nur bewertet, sondern in einem IT-Dienstleister der Versicherungswirtschaft mit rund 600 Mitarbeitenden das Anforderungsmanagement nach dem damaligen SAFe-4.0-Modell aufgebaut. Was folgt, ist daher keine Marktübersicht, sondern eine Einschätzung aus der Umsetzung.

SAFe ist gebaut für Häuser mit vielen Teams, bestehenden Gremien und einem Bedarf an Planbarkeit. Es bringt Rollen, Takte und Planungstermine mit, die sich in eine klassische Aufbauorganisation einfügen lassen. Das ist sein Vorteil und sein Preis: Es überlebt den Kontakt mit einem traditionellen Haus, und es bringt eine Menge Struktur mit, die man ohne genügend Abhängigkeiten nicht braucht. Wo es scheitert, ist es meist eingeführt worden, um Abhängigkeiten zu verwalten, die man besser beseitigt hätte.

LeSS geht den umgekehrten Weg: möglichst wenig zusätzliche Struktur, ein gemeinsames Backlog, ein Verantwortlicher für das Produkt, die Teams organisieren ihre Abhängigkeiten selbst. Das funktioniert gut und setzt zwei Dinge voraus, die in gewachsenen Häusern selten vorliegen: ein Produkt, das sich sinnvoll als eines beschreiben lässt, und eine Organisation, die bereit ist, Zuständigkeiten danach umzubauen. LeSS ist nicht das leichtere Modell – es verlangt den größeren Eingriff.

Die übrigen Modelle liegen zwischen diesen beiden Polen oder sind, wie das vielzitierte Spotify-Modell, die Beschreibung eines Zustands in einem Unternehmen zu einem Zeitpunkt und kein Rahmenwerk, das sich übertragen lässt.

Drei Fragen vor der Einführung

Diese drei Fragen kosten einen Vormittag. Eine Rahmenwerkeinführung, die sie nicht beantwortet hat, kostet ein bis zwei Jahre und endet in der Regel mit der Feststellung, man habe es nicht konsequent genug umgesetzt.

Lässt sich Ihre Landschaft überhaupt schneiden?

Diese Frage ist vor der Wahl des Rahmenwerks zu beantworten. Wenn sie offen ist, ist das der sinnvollste Ansatzpunkt.

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